Wenn die stolzen Geister denken. Wie der Philosoph Marc Jongen, ein enger Vertrauter Peter Sloterdijks, die Ideologie der AfD vorantreibt. Und was von den Werten der Partei zu halten ist

22. Januar 2026

So stumpf die Parolen, so bizarr die Einlassungen zu den jüngsten Debatten über Nation und Rassismus – noch immer inszeniert sich die Alternative für Deutschland (AfD) als Hort akademisch veredelten Politisierens. Man wuchert auf Wahlplakaten mit Doktortiteln, sieht sich als »Partei der Vernunft« und ein in obsoleten Rassentheorien wildernder Hanswurst wie der thüringische AfD-Vorsitzende Björn Höcke lässt es sich nicht nehmen, sein akademisch verbrämtes Ressentiment auf Tagungen zu verbreiten.
In der Nachfolge von Intellektuellen wie Oswald Spengler und Carl Schmitt ist die Partei stolz darauf, dass rechtskonservatives, aus ihrer Sicht also aufklärerisches Gedankengut, mal nicht von Glatzen, sondern von Denkfalten und Geheimratsecken überwölbt wird. Die AfD politisiert mit Bildungsbüger-Aura und gibt sich den Anschein wissenschaftlicher Seriosität, wenn sie die »Lügen« der Presse und die »Irrationalität« von Angela Merkels Politik geißelt. Offenbar wähnt sie sich im Besitz von Wahrheit und Rationalität. Was aber kommt heraus, wenn man sie einer Rationalitätsprüfung unterzieht?
Die Antwort ist eindeutig: In den frei zugänglichen Thesenpapieren und Parteitagsbeschlüssen wimmelt es von irrationalen und romantisch-mythologischen Passagen. Paradebeispiele dafür bieten ausgerechnet die vom Parteiphilosophen Marc Jongen mitverfassten Dokumente. Jongen ist einerseits akademischer Mitarbeiter für Philosophie an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung, wo er viele Jahre dem ehemaligen Rektor Peter Sloterdijk als Assistent diente. Zum anderen agiert er als stellvertretender Sprecher und Programmkoordinator des AfD-Landesverbands Baden-Württemberg sowie Mitglied der AfD-Bundesprogrammkommission. Wenn es einen gibt, der die Seriosität dieser Partei zu garantieren scheint, dann Jongen. Wofür aber steht er?
Unter anderem auf seine Initiative hin lehte der AfD-Landesparteitag Baden-Württembergs die Gleichstellung der Geschlechter mit der Begründung ab, man wisse sich dabei »mit den ethischen Grundsätzen der großen Weltreligionen einig«. Diese dürften nicht »auf dem Altar der pseudowissenschaftlichen Gender-Ideologie« geopfert werden. Es ist schon erstaunlich, ausgerechnet Religionen mit dem Argument zu verteidigen, Gender sei »pseudowissenschaftlich«. Sind Religionen also wissenschaftlich fundiert?
Weiterhin heißt es, die »klassische Familie« müsse geschützt werden. Was genau ist damit gemeint? Vielleicht jener patriarchalische Miniaturstaat, den Jongens Mentor Sloterdijk einmal als letzte Bastion des Absolutismus bezeichnete? Das polygame Familienmodell des Islam, das die Zusatzoptionen nur Männern zugesteht? Oder die Privilegierung männlicher Nachkommen im Hinduismus, die häufig zur Abtreibung oder gar Tötung weiblicher Nachkommen führt? »Klassische Familie« ist ein »Begriff ohne Anschauung« (Immanuel Kant). Die »Grundsätze der Weltreligionen« wiederum in einen Topf zu werfen, hätte in der von der AfD zurückersehnten guten alten Zeit des christlichen Abendlandes die Inquisition auf den Plan gerufen.
Im selben AfD-Dokument ist von der »Natur des Menschen« die Rede, welche es vor der grassierenden Gender-Ideologie zu retten gälte. Man besinnt sich also auf den neuzeitlichen Humanismus: Es gibt viele Menschen, doch sie alle verbindet ein stabiler Wesenskern. Mit dieser Behauptung gerät die Partei in einen nicht ungravierenden Selbstwiderspruch, hatte doch Marc Jongen einst das glatte Gegenteil behauptet. 2001 schrieb er in dieser Zeitung einen anregenden Essay über Biotechnologie – programmatischer Titel: »Der Mensch ist sein eigenes Experiment«. Man könne den bereits real existierenden Posthumanismus nicht auf »der letzten historischen Schwundstufe humanistischer Moral« begründen. Die Essenz, und damit die Natur, sei dem Menschen unwiderruflich abhanden gekommen. Als Konsequenz des epochalen Wandels vom Mensch als Subjekt zum Mensch als Projekt forderte der Philosoph »kreative Intelligenz« und »kybernetische Lernschleifen«.
Was aber sagte er 2014? »Alle von der AfD bisher formulierten Ziele tragen restaurative Züge« – und das, so der Subtext, sei in pauschalprogressiven Zeiten die eigentliche Innovation.
Dass man heute nicht wie selbstverständlich von »der Natur« sprechen kann, dass man in einer Ära transnationaler Informations- und Warenströme nicht mir nichts dir nichts zu nationaler Demokratie zurückfinden wird, dass Rechtsstaatlichkeit nicht einfach »restauriert«, sondern in langwierigen Prozessen mit den neuen globalen Mächten ausgehandelt werden muss – all das scheint für die AfD keine Rolle zu spielen. Wenn die Partei dann noch die vermeintlich scharf konturierte Nation gegen das vermeintlich diffuse Globale ins Feld führt, so spielt sie Imaginäres gegen Imaginäres aus. Vertreter der transdisziplinären Karlsruher Schule wie Jongen sollten wissen, dass gerade das Konzept des Nationalstaats der hybriden Globalisierung den Weg bereitet hat: als »imaginierte Gemeinschaft« (Benedict Anderson), die ein heterogenes Ausgangsgemisch zu homogenisieren versucht, nimmt es die Globalisierung als »Glokalisierung« (Roland Robertson) und »imaginierte Welten« (Arjun Appadurai) vorweg.
Identifiziert Jongen das Deutschnationale in seinem »AfD-Manifest« (2014) zu allem Überfluss mit »Sprache« und »Familie«, dann wäre ein deutschsprachiger IS-Anhänger und polygamer Familienvater ein legitimer Teil von ihm. Ein alleinstehender, des Deutschen nicht mächtiger Brite, der keine Bedrohung fürs geheiligte Vaterland darstellt, würde hingegen nicht zu letzterem gehören. Jüngst rettete sich Jongen in die fadenscheinige Argumentation, die von seiner Partei verteidigten Traditionen, Staatsideen und Geschlechterrollen seien zwar konstruiert, aber man müsse »pfleglich umgehen mit den notwendigen Illusionen«. Wer aber entscheidet, was »notwendig« ist? Warum die AfD und nicht etwa, sagen wir: Lady Gaga, obwohl die ein paar Follower mehr hat. Das ist Carl Schmittscher Dezisionismus in Reinform.
Auch die »signifikante Steigerung der Geburtenrate« haben sich Jongen und die AfD auf die Fahnen geschrieben, mithin ein Rezept aus der biopolitischen Mottenkiste der Neuzeit. Damals bestand, mit Jongens Doktorvater Sloterdijk gesprochen, »die Maßnahme aller Maßnahmen … in der staatlich und kirchlich verfügten Maximierung der ›Menschenproduktion‹«. Wie aber kommt es, dass eine Partei überwiegend älterer, wohlhabender, weißer und akademisch sozialisierter Bürger sich als deutscher Geburtensteigerungsverein gebärdet? Ist es nicht so, dass genau die AfD-Kombination weiß-wohlhabend-akademisch heute den Rückgang der Geburtenrate bedingt? Als glaubwürdiges nationales Kopulationskommando taugt die AfD so wenig wie Sloterdijk als Steuerberater. Ein bisschen mehr existentielle Lockerheit, Reggae statt Wagner, weniger Strebertum und Apokalyptik würden wohl effizienter für Kindersegen sorgen.
Aber genau das ist mit der AfD nicht zu machen. Man möchte sich endlich wieder stark fühlen! Weite Teile der AfD wünschen sich ein männlich-heroisches Deutschland zurück – ein Deutschland, das dem »Thymos« (gr. für Stolz, Zorn) huldigt, wie Jongen das nennt. Wer sich aber mit durchaus thymotischer Verve über die AfD und Jongen empört wie jüngst der Kunsthistoriker Beat Wyss oder der Architekturtheoretiker Stephan Trüby, denen werden die Segnungen der neuen deutschen Stolzromantik nicht zuteil. Sie gelten als Querulanten, Denunzianten, Nestbeschmutzer. Wer nicht mit uns stolzt, stolzt gegen uns! Dabei zeigen gerade Wyss und Trüby, dass das von der AfD als vermisste gemeldete »Erregungspotential« mitnichten versiegt ist.
Und haben nicht ausgerechnet die Queeren, Veganen, Transkulturellen neue Formen des Stolzes geprägt? Die neuen thymotisch-emanzipatorischen Strömungen jenseits von Hymnensingerei und Rekurse auf verkrachte Existenzen wie Schmitt und Spengler werden von der AfD einfach ausgeblendet. In Wahrheit geht es ihr somit nicht einmal um Konservatismus, also: um Stagnation. Es geht ihr um Regression.
Kurzum, in Sachen wissenschaftlicher, rationaler, aber auch moralischer Redlichkeit steht die AfD den von ihr geschmähten Parteien in nichts nach. Just der einst nach vorne blickende, inspirierende Intellektuelle Jongen hat zum Sturz Bernd Luckes beigetragen und so den populistischen, nationalromantischen und völkischen Strömungen der Partei Aufwind verschafft. Er selbst sieht darin offenbar einen dialektischen Schachzug, einen Stachel im Fleische einer müden Mediokratie: »Genuin liberal zu sein, heißt heute, konservativ zu sein. Zuweilen sogar reaktionär.« Dabei begeht Jongen den Fehler, die Wirkung der Botschaft mit der Botschaft selbst zu verwechseln: Eine Idiotie durch eine andere Idiotie zu Fall zu bringen, macht die zweite Idiotie nicht weniger idiotisch. Und warum sollten ausgerechnet akademische Papiertiger wie er dafür prädestiniert sein, eine »Erziehung zur Männlichkeit« (Jongen) zu übernehmen? Das ist, als ginge man in ein Veganer-Restaurant, um einen saftigen Rindsburger zu bestellen.
Wenn schon konservative Avantgarde als Antidot eines als selbstläufig und ignorant empfundenen linksliberalen Mainstreams, dann eine originelle, eigensinnige, glaubwürdige! Man denke etwa an den hierzulande weithin unterschätzten Politphilosophen Eric Voegelin, der amerikanische Common-Sense-Philosophie mit einem als Religion der Unbestimmtheit verstandenen Christentum verquickte und der Karl Poppers »offene Gesellschaft« erst in Verbindung mit der »Offenheit der Seele« gelten ließ. Insbesondere an letzterer gebricht es der AfD. Oder an den philosophischen Schriftsteller Günther Anders. Seine schillernden Theoreme wie das der »prometheischen Scham« oder seine Forderung nach »moralischer Phantasie« lassen die biedere, sich in geistige Notdurftsgebilde des 19. und frühen 20. Jahrhunderts flüchtende Butzenscheibenromantik der AfD genau so alt aussehen, wie sie ist.


Erstveröffentlichung in DIE ZEIT, 14. Januar 2016


von Jörg Scheller 15. Februar 2025
Es ist eine jener Zufallsbegegnungen, die die Lektüre eines Dutzends politologischer und soziologischer Studien ersetzt. Im Mai dieses Jahres trete ich morgens aus meinem Hotel im Botschaftsviertel von Chișinău, der Hauptstadt der Republik Moldau. Es ist ein schöner, sonniger Tag. Die Linden blühen über bröckelndem Asphalt, von Westen weht ein teilnahmsloser Wind und die Luft würde mit den Achseln zucken, wenn sie welche hätte. In der für sie typischen poetischen Nonchalance dämmert die Provinzmetropole am Rande Europas. Eigentlich will ich in den Parcul Anulelul. Doch im Hof des Hotels begegne ich Joe. "Hi!", ruft er und blickt von seinem vollbepackten Motorrad, dessen Motor er gerade einer Inspektion unterzieht, auf. Joe ist Mitte 50, US-Amerikaner, Ingenieur, weiss, kräftig, Baseballcap. Schnell entspinnt sich ein Gespräch. Es wird zwei Stunden dauern und sich zu einem Panorama der Konflikte zwischen Konservativen und Progressiven, Geistes- und Naturwissenschaften, Amerika und Europa entfalten. Joe stammt aus Massachusetts. Bis vor kurzem baute er Roboter und besass ein Unternehmen. Weil die chinesische Konkurrenz immer billiger und besser wird, hat er es verkauft. Der Erlös erlaubt ihm einen sorgenfreien Lebensabend. Mit seinem Motorrad bereist er die Welt, war schon in Pakistan, Marokko, Nigeria, Südamerika. Über Moldau hat er gelesen, wie desolat der Staat sei: "Come on! Ich war in den Slums von Afrika und den Favelas von Südamerika. Europa ist eine Insel des Wohlstands und der Sicherheit." Man müsse die Dinge schon in Relation setzen. Die Hotelbesitzerin läuft vorbei. "Sie leben in einem fantastischen Land!", ruft er ihr zu. Sie bittet ihn, bei seinem geplanten Ausflug nach Rumänien Medikamente für ihr Kind zu kaufen, die in Moldau nicht erhältlich seien. Joe bezeichnet sich selbst als Libertären. Meist habe er die Republikaner gewählt, aus geschäftlichen Gründen ("better for business"). Zwar sei er kein Fan von Trump, doch er fände es gut, wenn geschäftstüchtige Problemlöser wie er an der Spitze stünden. Darum gehe es in der Politik: Probleme lösen, wie ein Ingenieur das tun würde. Ideologiefrei. Nüchtern. Realistisch. Rational. Ich entgegne, dass das Lösen von Problemen doch von Werten, politischen Haltungen, Emotionen, Lebensstilen abhänge. Welche Art der Lösung man wähle, sei kein neutraler, rein technischer Prozess. Trump handle zutiefst ideologisch. Und die Langzeitfolgen seiner Politik, nicht zuletzt mit Blick auf seine Verbalgewalt, seien unabsehbar. Joe winkt ab. Wegen solcher Spitzfindigkeiten befänden sich die Vereinigten Staaten von Amerika im Niedergang. Verzärtelung. Für China findet er indes lobende Worte. Ich bin verdutzt. Ein Lob auf China, ausgerechnet von einem freiheitsliebenden Republikaner? In China werde doch zensiert, überwacht, bevormundet! Man denke nur an das Social Credit System, das China einführen wird: Da würden Bürger zu unmündigen Kindern erklärt und der Staat zum allmächtigen Elternteil. Von wegen! kontert Joe. Was sei denn daran schlimm? Die, die sich korrekt verhalten, werden belohnt. Die, die Schlechtes tun, sich nicht an die Regeln halten, werden bestraft. "Positive reinforcement", nennt er das. Das Normalste von der Welt. Wo steht denn geschrieben, erwidere ich konsterniert, dass die kommunistische Partei wisse, was das Beste für die Bürger ist? Es brauche doch demokratische Kontrolle, Checks & Balances, offene Kritik, Bildung und freie Presse, um blinde Flecke, Mängel, Machtmissbrauch aufzuzeigen. Joe grummelt. Im polarisierten Amerika könne man sich zwar frei äussern, doch die Konsequenzen seien drastisch, wenn das Gesagte nicht in die Agenda der Demokraten passe. Wer etwa bei der Regierung oder bei einem Konzern arbeite, verlöre seinen Job, wenn auch nur der leiseste Verdacht des Rassismus bestünde. Er selbst sei überzeugt, dass die Intelligenz von Menschen mit ihren Genen zusammenhänge – wissenschaftlich erwiesen! Deshalb sei er aber kein Rassist. Nur Rassen, die gäbe es eben schon. Zuhause könne er das nicht frei sagen. Viele Anwälte hätten sich auf Diskriminierungsklagen spezialisiert. Ein Millionengeschäft. Mir wird mulmig. Joe sieht in "Rasse" eine nüchterne naturwissenschaftliche Kategorie. De facto ist sie immer eine politische gewesen. Primär dient sie dazu, bestehende Machtverhältnisse zu verfestigen. Ich versuche, zu differenzieren. Mag sein, dass Anwälte progressive Anliegen für Profitmache missbrauchten. Das ändere aber nichts an der Notwendigkeit der Kämpfe für mehr Gerechtigkeit. Mag sein, dass wir biologisch konditioniert sind – aber eben konditioniert, nicht determiniert! Die Frage sei doch, welche Schlüsse man aus der Tatsache, dass es unterschiedliche Genome gäbe, ziehe. Müde Bejahung des Status Quo? Geburt als Schicksal? Oder Arbeit am Selbst und Förderung der Benachteiligten? Überdies, argumentiere ich, seien nicht alle Teile unseres Genoms aktiv, wie die Epigenetik bewiesen habe. Je nach Lebenslage variiere die Genomaktivität. Die alte Genetik sei zu statisch, zu eindimensional. Nicht zuletzt passe sie nicht zum American Dream! Nun differenziert auch Joe. Das möge schon zutreffen. Aber es sei doch unbestreitbar, dass manche Menschen eher für bestimmte Tätigkeiten geeignet seien und andere weniger. Nicht jeder brächte die Intelligenz mit, um ein herausragender Ingenieur, Programmierer oder Politiker zu werden. Und wer kleinwüchsig sei, könne in der National Basketball Association nicht mithalten: "Wir sollten keine Identitäten fördern, sondern einfach die Besten!" Sein Verständnis davon, was "das Beste" ist, beruht auf Kategorien des sportlichen und wirtschaftlichen Wettbewerbs. Die heutige politische Agenda, meint Joe, rede den Menschen ein, dass alle alles sein könnten. Das werde ihnen nicht gerecht, versetzte sie in Stress, führe zu Frustration. Schön und gut, entgegne ich. Es stimme, dass man Menschen keine Illusionen machen sollte, sie könnten alles, wirklich alles erreichen. Aber warum in Kategorien von Schwarz und Weiss denken? Und was genau ist "gut"? Das "Beste" sei keine göttliche Offenbarung. Fortschritt wiederum entstehe auch dadurch, dass Menschen, die etwas nicht gut können, sich gerade auf diesem Gebiet betätigten. So kommt Neues in die Welt. Wenn Denkstile verkrusteten, förderten sie nichts Bahnbrechendes zutage. Den gegenwärtigen Stand der Kultur zu naturalisieren und auf überzeitliche Begriffe von Rasse oder Klasse zurückzuführen, sei unredlich. Und was den Basketball beträfe –manche begnügten sich mit der Feststellung, dass man dafür hoch springen können müsse. Andere gründeten Basketballligen für Rollstuhlfahrer. Joe schnaubt verächtlich. Paralympics, eine gutmenschliche Schnapsidee der Kennedys. Das wolle doch kaum jemand sehen. Klar, könne man schon machen. Aber wehe, wenn die Rollstuhlfahrer genau so viel Geld verlangten wie Shaquille O'Neal! Es folgen Tiraden, wie man sie von Breitbart & Co kennt: Hillary Clinton geht es nur ums Geld! George Soros hat für die Nazis gearbeitet! Der Deep State ist überall! Soros musste als jugendlicher Jude in Nazi-Ungarn überleben, sage ich. Ob es Trump etwa nicht ums Geld gehe, frage ich. "Er ist so reich, dass er nicht käuflich ist!", frohlockt Joe. Ich entgegne: Er ist so reich, weil er käuflich ist. Könnte ich eine gute Nachbarschaft mit diesem Mann pflegen? Vermutlich schon. Die Begegnung verläuft respektvoll. Wie aber würde Joe mit mir sprechen, wenn ich nicht wie er weiss, männlich, gebildet wäre? Wohl anders. Würde er proaktiv gegen die Benachteiligung von Minderheiten kämpfen? Unwahrscheinlich. Würde er den Status Quo, der ihm als Ingenieur und homo oeconomicus dienlich ist, von sich aus hinterfragen? Sicherlich nicht. Er vertraut darauf, dass Gene, Technik und Markt alles zum Besten lenken – weil er ein Mensch ist, dem Technik und Markt am Nächsten sind und dessen Gene ihn offenbar begünstigten. Ein Zirkelschluss. In Joes Ausführungen zeichnet sich das Erbe des klassischen Utilitarismus ab. Im Utilitarismus ist die Nutzensumme für die Gesellschaft ausschlaggebend. Sie steht über dem Wohlergehen einzelner Mitglieder. Wie der Philosoph John Rawls treffend ausgeführt hat, weicht der Utilitarismus dabei der Frage nach der Legitimation der Bedürfnisse, die er zu befriedigen sucht, aus. Er ordnet das Gerechte dem Guten nach, ohne letzteres überzeugend begründen zu können. Grössere Vorteile einiger können geringere Nachteile anderer aufwiegen. Gesellschaftliche, politische, ethische Aufgaben delegiert Joe an die "unsichtbare Hand", von der in Adam Smiths Reichtum der Nationen die Rede ist. Doch es hat einen guten Grund, warum Smith die Metapher nur selten und an entlegenen Stellen gebraucht. Erst seine Anhänger haben sie mit esoterischer Verve zu einer vereinfachenden Weltformel ausgebaut. Smith wäre das fremd gewesen. Für Joe hingegen ist sie eine Selbstverständlichkeit. Seine sichtbare Hand zieht eine letzte Schraube an. "Done! Was nice meeting you!" Er rattert davon, durch den immer noch teilnahmslosen Westwind in Richtung Rumänien. Vielleicht ist er ja bald wieder zurück, im Gepäck die Medikamente für das Kind der Hotelierin.
18. November 2024
In den von heiligem Ernst durchpulsten Diskussionen über den Genderstern scheinen die Fronten klar zu sein. Auf der einen Seite Progressive, die für eine gerechte, inklusive Welt einstehen und dafür selbst feinste Verästelungen der Sprache optimieren wollen. Auf der anderen Seite Konservative, die eine solche Welt verhindern wollen, trotzig am Alten festhalten, einen Geist des Reaktanten und Reaktionären verströmen. Durch strategisch geschickte gesetzte Framings wie «geschlechtergerechte Sprache» landen jedoch alle, die sich kritisch zu sprachpolitischen Massnahmen wie dem Genderstern äussern, automatisch im Lager der Ungerechten. Wie könnte man denn bei klarem Verstand irgendetwas gegen das Gerechte einzuwenden haben? Doch Kritik am Genderstern muss nicht zwingend ungerecht, reaktionär oder reaktant sein. Im Gegenteil – es gibt gute Gründe gegen den Genderstern, die gerade den menschenfreundlichen Anliegen, die seiner Einführung zugrunde liegen, verpflichtet sind. Um diese Gründe zu verstehen, muss man den Genderstern einer Feinanalyse unterziehen, anstatt ihn reflexhaft als Ausdruck einer Weltanschauung zu deuten. Dann wird man starke Indizien dafür finden, dass er das Gegenteil dessen, was er eigentlich leisten soll, leistet. Mit der Einfügung des Gendersterns in eine Sequenz von Buchstaben werden Wörter unfreiwillig zu dualistischen Symbolen: Die Buchstaben des Alphabets einerseits, Sonderzeichen andererseits. Denn innerhalb eines einzelnen Wortes, so will es unser Sprachsystem, tauchen keine anderen Zeichen auf als eben Buchstaben, die mit Hilfe von grammatischen Regeln arrangiert werden. Sonderzeichen wie Apostrophen oder Ellipsen sind keine Ausnahme, wie mitunter behauptet wird. Vielmehr markieren sie Auslassungen von Buchstaben, sind also blosse Platzhalter. Der Genderstern wiederum ist weder Buchstabe noch folgt er grammatischen Regeln. Als mögliche Abstraktion eines Sternes hat er Züge dessen, was der Bildwissenschaftler Klaus Sachs-Hombach «wahrnehmungsnahes Zeichen» nennt. Er steht vereinsamt sowohl ausserhalb des Alphabets als auch der Grammatik. So bewirkt er als solitäres Einsprengsel ungewollt etwas anderes als das, was er bewirken soll: die Bezeichneten dadurch, dass sie «in der Sprache sichtbar gemacht werden», zu normalisieren. Lässt man sich für einen Moment auf den bei Befürwortern und Gegnern genderzentrierter Sprachpolitik weit verbreiteten Glauben ein, die Sprache spiegele mitsamt dem grammatischen Geschlecht (Genus) nicht nur das soziale oder biologische Geschlecht, sondern auch die real zwischen ihnen existierenden Machtverhältnisse, dann entsteht durch den Genderstern ein irreführendes Bild: In einem durch den Stern in zwei Hälften gespaltenen Wort werden Männliches (links) und Weibliches (rechts) durch Buchstaben repräsentiert, die, nun ja – «Anderen» indes durch ein Sonderzeichen. So besteht die Gefahr, dass der Genderstern sprachpolitischem Othering Vorschub leistet. Dabei gälte es doch, inter-, trans-, diversgeschlechtliche Personen nicht als «die Anderen» zu sehen! Das Sonderzeichen des Gendersterns unterscheidet sich von den Buchstaben zusätzlich durch seine Position. Es schwebt über einer Lücke zwischen den auseinandergerückten Polen von Männlichem und dem weit rechts abgeschlagenen Weiblichen. Durch die vertikale Entrückung und die entstandene Kluft wird die traditionell angenommene Polarität von Männlichem und Weiblichem noch verstärkt – auch das entgegen der eigentlichen Absicht. Schreibt man «Basketballerinnen» oder «BasketballerInnen», so ergibt das ein Kontinuum zwischen männlich und weiblich, egal ob man dieses biologisch, sozial und/oder grammatisch versteht. Das eine geht bruchlos ins andere über, wie es in Natur und Kultur ja der Fall ist. Nur aus reproduktionsbiologischer Sicht gibt es (bislang) einen wesenhaften Unterschied zwischen Mann und Frau, die restlichen Unterschiede sind gradueller Art im statistischen Mittel: mehr Testosteron, weniger Testosteron, stärkere Gesichtsbehaarung, schwächere Gesichtsbehaarung, diese Berufswahl, jene Berufswahl, diese Lebenserwartung, jene Lebenserwartung, und so weiter. Am Ende steht dann doch ein Individuum. Schreibt man hingegen «Basketballer*innen», bricht der Genderstern dieses Kontinuum auf. Im Übrigen ändert er nichts daran, dass die weibliche Form, etwa «BasketballerInnen», von der männlichen Form abgeleitet ist und letztere stolz vorne steht. So ist es auch mit dem vorgeblich neutralisierenden Diminutiv «Gendersternchen». Das Sternchen ist und bleibt ein Derivat von «dem Stern». Im Verbalsprachlichen ist es noch heikler als im Schriftsprachlichen. Da dem Genderstern anders als den Buchstaben kein Laut zugeordnet ist, werden die mit ihm Repräsentierten zur phonetischen Leerstelle. Das männliche Geschlecht wird ausgesprochen, das weibliche Geschlecht wird ausgesprochen, das dritte oder xte aber nicht? Diese Diskrepanz, diese Asymmetrie kann niemand ernsthaft wollen. Varianten wie der in die Lücke eingefügte, ebenfalls als Marker der Geschlechtervielfalt gedachte Doppelpunkt (:) wiederum sind oft unfreiwillig komisch: Ausgerechnet eine binär strukturierte Interpunktion soll das binäre Geschlechterdenken aufbrechen? Der Schrägstrich (/) errichtet unterdessen eine windschiefe Mauer zwischen Hans und Hedwig. Mit dem bescheideneren, bodenständigeren Unterstrich (_), der sich mit etwas gutem Willen als Fusspfad oder flache Brücke deuten lässt, könnte man eher leben. Allein, auch er ist und bleibt ein Sonderzeichen ohne klangliche Dimension. Was sind die Alternativen? Am einfachsten fährt man mit dem «generischen Maskulinum», insofern es etabliert ist und die aussersprachlichen Geschlechterverhältnisse nicht «spiegelt», wie das mechanistische Denken aktueller Sprachpolitik als Prämisse voraussetzt, sondern in ambivalentem, ja ironischem Verhältnis zu ihnen steht. Wäre Grammatik tatsächlich ein «Spiegel» der Verhältnisse, müssten Sprachen ohne Genus, etwa das Japanische oder Türkische, das Spiegelbild geschlechtsloser, vollendet egalitärer oder queerer Gesellschaften sein. Die entsprechenden Sprachräume belegen, dass dem nicht so ist. Warum gilt im Judentum gesellschaftlich das matrilineare Prinzip, im Hebräischen aber das generische Maskulinum? Und warum haben matriarchale Gesellschaften in der Grammatik ihrer Sprachen kein generisches Femininum ausgeprägt, sondern die privilegierte Stellung der Frau auf andere Weisen betont? Damit ist die Prämissse hinfällig. Man kann nicht einfach, wenn es den eigenen politischen Zielen nützt, im einen Fall behaupten, Grammatik spiegle die Gesellschaft, und im anderen Fall, wenn es besagten Zielen nicht nützt, behaupten, da verhalte es sich halt irgendwie anders. Das generische Maskulinum hat den Vorteil, dass es weder die Binarität wiederauferstehen lässt wie in «Zuschauerinnen und Zuschauer», noch wie der Genderstern unfreiwillig Drittgeschlechtliche oder sonstige Gemeinte exotisiert. Dort, wo es juristisch geboten ist, lässt sich mit wenigen Zusatzangaben vereindeutigen, wer alles gemeint ist. Und dort wo im Alltag tatsächlich Missverständnisse entstehen können, gibt es längst mannigfaltige Formen der Klärung und Kontextualisierung. Die beste, weil salomonischste Lösung bietet indes das nominalisierte Partizip. Es ist wie das generische Maskulinum längst etabliert und eignet sich sowohl für die Kommunikation am Hofe der Behörden als auch für zwanglosen Austausch im Alltag. Formulierungen wie «Studierende» oder «Bewohnende» mögen ungewohnt klingen, aber Gewohnheit ist kein gutes Argument. Grammatikalisch sind sie unproblematisch und vor allem: Sie verstärken nicht den Trend zur Aufspaltung in immer mehr Gruppenidentitäten, die von Kulturkämpfern und Populisten gegeneinander ausgespielt werden können. Darin liegt die Gefahr der Identitätsakzentuierung, zumal wenn sie behördial kodifiziert und verordnet ist. Gruppenbezogene Identität ist traditionell ein Fetisch von Rechten, die sich die Menschheit wie Tierarten im Zoo vorstellen: Eine jede im eigenen Gehege. Erst seit den 1970er Jahren gibt es dezidiert linke «Identitätspolitik». Im nominalisierten Partizip bleibt die geschlechtliche Identität unbestimmt. So läuft man weniger Gefahr, unsere in Wahrheit dynamischen, mehrdeutigen Identitäten ungewollt zu verfestigen, zu vereindeutigen und in sprachlichen Stein zu meisseln. Wo sie präzisiert werden sollen, können sie präzisiert werden. Und meist ergibt sich aus dem Kontext, was Sache ist. Nach allem, was man so hört, ist davon auszugehen, dass in der Stadt Zürich nicht nur Frauen leben. «Bewohnende der Stadt Zürich» passt also. Und wenn von «Wählenden» die Rede ist, dürfte den meisten klar sein, dass bei der Wahl nicht die Voten der männlichen Zwölfjährigen das Zünglein an der Waage waren. Ein weiterer Vorteil des nominalisierten Partizips ist, dass nicht mehr, wie beim Genderstern, das Männliche mit breiter Brust vorne steht und dann «der Rest» als Anhängsel oder, wie es in der sprachpolitischen Literatur über den Gender Gap mitunter so unschön heisst, «Platzhalter» folgt. Es werden nämlich keine maskulinen Ausgangsformen verändert, sondern gleichsam queere Adjektive und Verben. «Studierende» kommen von «studieren», ohne Umweg über «den Studenten». Dass sich das Partizip, wie oft moniert wird, nur auf Personen beziehe, die im Moment des Sprechakts eine Handlung ausführen, aber nicht für wiederkehrende oder habituelle Handlungen, stimmt nicht. «Vorstandsvorsitzende» müssen, gottlob, nicht immer vorstandsvorsitzen, auch «Abgeordnete» gehen manchmal Bowling spielen, «Betagte» können ihr Betagtsein leider nicht unterbrechen, «Alleinerziehende» sind selbige auch dann noch, wenn das Kind im Bett ist, und selbst «Diversitybeauftragte», so munkelt man, sind nicht rund um die Uhr divers. Ob sich die Stadt Zürich bei ihrer sprachpolitischen Selbstoptimierung wohl für eine salomonische Lösung entscheidet oder für eine, die uns, die wir schon tief im Kaninchenloch der Identitarisierung stecken, noch stärker mit dem belastet, was der kluge Kunsthistoriker Kobena Mercer die «Bürde der Repräsentation» nannte?
1. Mai 2017
Ein bislang wenig beleuchteter Aspekt der Kontroverse um das abgesagte Podium " Die Neue Avantgarde " ist die Wiederkehr eines typisch modernistischen Topos: die Angst vor der Ambivalenz und die Sehnsucht nach klaren Zuschreibungen. Mit den folgenden, über weite Strecken etwas zerfledderten und mäandrierenden, zwischen diversen Push-and-Pull-Trainingseinheiten verfassten Ausführungen beende ich meinen Rückblick auf die "Neue Avantgarde" und wende mich wieder den wirklich dringlichen Themen zu: Von der Bauhaus Universität Weimar erhielt ich die Anfrage, über die Epistemologie der Limonade zu referieren. Wer es ernst meint mit dem Postheroischen, kommt um Softdrinks nicht herum. In ihren wesentlichen Ausprägungen beliebte die westliche Moderne säuberlich zu unterteilen: in männlich und weiblich, biologisch und chemisch, zivilisiert und primitiv, politisch und gesellschaftlich, natürlich und kulturell, modern und rückständig, links und rechts, high & low, usf. Das infolge dieser Ausdifferenzierung erwartbare Chaos versuchte sie zu verhindern, indem sie durch das " anthropische Prinzip " die auseinanderdriftenden Stränge im Menschen als Fluchtpunkt bündelte. Die – in der Moderne, etwa bei Darwin, 'natürlich' bereits angelegte – Postmoderne rückte in ihren besseren Formen von diesen komfortablen binären Konstrukten, bei denen das Methodenraster letztlich die Realität erzeugt, ab, und hinterfragte die Zentralstellung des Menschen im Kosmos. Vergleichbar mit dem polnischen Immunologen und Wissenschaftsforscher Ludwik Fleck (1896–1961), der die "Interaktion der verschiedenen, an einem immunologischen Abwehrprozeß beteiligten Elemente" untersuchte und eine "integrativ-synthetische Beschreibung" anstrebte, anstatt sich reduktionistisch auf molekularbiologische oder biochemische Ansätze zu konzentrieren, (Schäfer und Schnelle 2012, 15) entwickelte die avancierte Postmoderne ein Verständnis für die Komplexität, Relationalität und Ambivalenz aller Existenz – eine Komplexität, die nicht zwangsläufig, sondern nur in ihren vulgarisierten, kommerzialisierten Ausprägungen in das viel zitierte Anything Goes mündete. (Zu Fleck siehe Remo Grolimunds Blogbeitrag ; hier als Podcast ) Im Anti-Kern war diese Postmoderne das, was weiten Teilen der Linken heute fehlt: komplex. utopisch. Krass. Ozeanisch. Aber: glaubhaft komplex. gebrochen utopisch. Mannigfaltig krass. Archipelagisch-ozeanisch. Sie musste alle auf Abkürzungen wandelnden Halt-, Heimat- und Identitätssuchenden – und die sterben bekanntlich nie aus – gnadenlos überfordern (abgesehen natürlich von jenen Schlaumeiern, die das Multitudinös-Hybride ohne mit der Wimper zu zucken wiederum in eine lehrstuhlkompatible Kryptoidentität verwandelten und alle jene, die es bloß zu einer Mono- oder Stereo-Identität gebracht hatten, zu den Verlierern der Geschichte erklärten). Zugleich öffnete sie Möglichkeitsräume, die faszinierend und verlockend wirkten. Michel Foucault und andere zeigten, dass man radikal denken kann, ohne ins Unterkomplexe und Reduktionistische zu verfallen. Es ist dieser utopische, widerborstig-ozeanische Anti-Kern, der die Postmoderne bis auf weiteres wenigstens als Supplement oder Komplement unverzichtbar macht – und nicht etwa jener verhausschweint-pseudopostmoderne Pluralismus, der sich primär auf die zielgruppenziselierende Angebotsvielfalt im Kartoffelchips-Sortiment bezieht. Wobei andererseits eine Utopie, welche die Chipsfrage ausklammert, selbstredend eine erbärmliche, ja verachtenswerte ist. Entscheide Dich! Bekenne Dich! Entweder – oder! Spätestens seit Trump Präsident der USA ist, stehen die Zeichen hüben wie drüben wieder auf "klare Fronten" (wie klar diese Fronten in Wirklichkeit sind, werde ich unten erörtern; wichtig ist zunächst, dass sie als klar inszeniert werden). Die rapide Renaissance von Nationalismus, Autoritarismus und Kulturchauvinismus hat zur Folge, dass manche ihrer GegnerInnen den Widerstand aufs 'Kerngeschäft' ausrichten und für die Bündelung ihrer Energien eine kollateralschadenträchtige Komplexitätsreduktion in Kauf nehmen (während die braven Bürger mit den Achseln zucken und murmeln, nun ja, jetzt sei halt mal die Rechte dran, kannmannixmachen). Am Beispiel des 'Gessnergates' und der fantasielosen Militanz der PodiumsgegnerInnen trat diese Tendenz klar zu Tage: Du stehst an einer Weggabelung mit nur zwei Abzweigungen! Bist Du für oder gegen die Neuen Rechten? Bist Du links oder bist Du rechts? Willst Du eine bessere oder eine schlechtere Welt? Entscheide Dich! Bekenne Dich! Entweder – oder! Der uninspirierte, durch die Schatten tiefer Sorgenfalten marschierende Protestzug – priesterliche Belehrung, elterliche Besorgnis, theoriegestützter Boykott, Zensuraufrufe; im mal pastoralen, mal cholerischen Tonfall vorgetragene Das-darf-man-Nichts, So-geht-das-Nichts, Da-muss-man-doch-erst-die-Profis-Fragens, Das-ist-nicht-links-Genugs – erinnert mich an eine Diagnose Milo Raus aus seinem polemischen Essay Was tun? Kritik der postmodernen Vernunft: "Irgendwie schafft es unser linker Geschichtslehrer also immer, seinen Schülern das Gefühl zu geben, dass sie falschliegen. Das Problem dabei ist nicht, dass er nicht recht hätte … Nein, das Problem unseres linken Oberlehrers ist nicht, dass seine Analyse der gegenwärtigen Situation nicht zutreffend wäre. Sein Problem ist, dass er keinen besseren Vorschlag, keinen stärkeren, keinen intensiveren Glauben, keine Alternativen anzubieten hat." (Rau 2013, 13) Genau darin liegt wohl die Angst der Linken vor der Neuen Rechten begründet: Sie misstraut ihren eigenen Erzählungen, sie vertraut nicht mehr auf ihre eigene Kraft. Was ja durchaus verständlich ist. Ich selbst bin als, sagen wir mal: Linksfühlender in einer Zeit aufgewachsen, da man im Alltag überwiegend Zerrbildern der Linken begegnete – 'linke' verbeamtete Oberstudienräte, 'linke' Jaguarfahrer, 'linke' Wohneigentümer (in guter Lage), 'linke' Lifestylebuddhisten, 'linke' Umweltschützer (zwei Autos pro Haushalt) oder 'linke' Kulturschaffende, die ihre Kunstprojekte beharrlich mit tatsächlicher politischer Arbeit verwechselten. Das ist nicht ambivalent, sondern eher unglaubwürdig. Gerhard Schröder avancierte derweil zum Genossen der Bosse und Oskar Lafontaine kam mir populistisch, ja heuchlerisch vor. Bei der Partei DIE LINKE waren mir unter anderem das SED-Erbe, die MfS- und Stasi-Verstrickungen einiger Politiker suspekt. Die Grünen waren bereits verbürgerlicht. Als wir in Stuttgart gegen die angekündigte Abschiebung eines lange in Deutschland lebenden, bestens, wie man so sagt: "integrierten" Kollegen aus Afghanistan protestierten, wandten wir uns auch an die örtlichen Grünen für Unterstützung, namentlich Cem Özdemir. Keine Reaktion. Und dann war da noch die Antifa. Die überzeugte mich als Jugendlicher nicht, da sie alleine schon im Namen negativ auf das bezogen blieb, was sie überwinden wollte – was wäre Anti ohne Fa? Was wäre der Antichrist ohne die Christen? Man stelle sich eine Partei vor, die sich AntiCDU oder AntiSPD nennt... Mir wollte das auch dann nicht einleuchten, als ich als Journalist die Punkszene bei Ludwigsburg begleitete, die sich damals im Netzwerk 3chords organisiert hatte, und dabei immer wieder mit Antifa & Co. in Berührung kam. Viele tolle Leute. Aber Skinheads und Punks schienen einander irgendwie zu brauchen, wie in einer alten, zerrütteten Ehe... Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe die Linken in einem Zustand erlebt, der sie mir nicht gerade attraktiv machte. Weil die Rechten (CDU) und die Liberalen (FDP) mir aber noch weniger zusagten, bin ich (partei)politisch heimatlos geblieben. Für Intellektuelle ist das vielleicht nicht das Schlechteste. Immerhin kommt der Begriff "Intellektueller" vom lateinischen "inter legere", also "zwischen lesen". Intellektuelle sollten sich keinen Parteien anschließen, sondern in den Peripherien des Politischen wirken. Leslie A. Fiedler erklärte treffend: "The intellectual is the permanent revolutionist of the spirit; even as he straddles one barricade, the red flag in his hand, he is dreaming of the next, when he will raise the black. And worse than that, he is already in his mind writing the book that will reveal just how absurd he and his comrades looked waving the red flag or the black.” (Fiedler 1999, 116) Der linke britische Autor und Komödiant Andrew Doyle beklagte kürzlich, " die Linke sei zu einem Verein eitler Moralisten geworden, denen jede Fähigkeit zur Selbstreflexion abgeht ". Das ist mit Blick aufs große Ganze sicherlich übertrieben. Es gibt selbstverständlich unzählige selbstkritische, uneitle Linke, ja die übertriebene Selbstkritik und endlose Selbstbespiegelung, siehe die britische Labour Party, ist mitunter ihr größtes Problem. Mit Blick auf die Protestachse Zürich-Berlin trifft Doyles Diagnose jedoch ins Schwarze, beziehungsweise Rote. Wirkt man schon effektiv gegen rechts, wenn man sich links positioniert? Zwar teile ich, wie vielerorts nachzulesen ist, die inhaltliche Kritik an der (Neuen) Rechten und nehme die Warnungen, diese wollten vermittels " bürgerlicher Intelligenz " salonfähig werden, ernst. Aber ich habe so meine Zweifel, was die zielführenden Strategien anbelangt. Was seitens der PodiumsgegnerInnen zu lesen und zu hören war, überzeugte mich nicht. Es lief darauf hinaus, dass wer sich links positioniert, auch effektiv gegen rechts wirkt; dass wer die Neuen Rechten hasst, das Richtige liebt; dass wer nicht mit den Rechten redet, die Dinge zum Besseren wendet; dass wer das Gute will, auch das Gute tut (und überhaupt: der Gute ist). Sprich, dass der Wille identisch mit dem Weg wie auch dem Ziel ist. Dass es dritte, vierte, xte, verschlungene Wege jenseits dualistischer Szenarien geben könnte, geriet aus dem Blick. In der internen Debatte des Theaters fielen statt dessen martialische Sätze wie: "So einem wie Jongen gibt man keine Bühne. So einem schlägt man die Fresse ein." Violence is golden, isn't it? Oder aber es hieß, nur "eine Jungkommunistin" könne "einem so scharfen und subversiv denkenden Typen wie diesem Jongen die Stirn … bieten." Behauptungen wie dieser liegt eine Logik zugrunde, derzufolge Feuer nur mit Wasser und nicht auch mit Branddecken bekämpft werden kann. Das Podium, welches zwar an einem eindeutig links positionierten Theater stattfinden sollte, aber in der Tat über keine eindeutig oder einzig linke Position unter den RednerInnen verfügte – wohl aber über solche, die auch linke Positionen vertreten –, musste es in Zeiten der Polarisierung naturgemäß schwer haben. In unseren handelsüblichen Medienspektakeln werden Linke auf Rechte, Dieselliebhaber auf Solaradepten oder Geschlechtstraditionalisten auf Gender bender losgelassen; in sublimierteren Varianten hockt ein nervös blinzelnder Ausgleichsakademiker am Rand und vertritt eine stets zum Scheitern verurteilte 'objektive' Haltung. In der Gessnerallee wäre eine solche Polarisierung, vor deren darwinistischer Wettkampfslogik schon Theodor W. Adorno warnte (der übrigens 1965 mit dem NSDAP-Mann Arnold Gehlen über allerlei akademische Themen im Fernsehen diskutierte ) nicht gegeben gewesen. Implizit wurde aber genau das moniert. Die Widerparts Marc Jongens (AfD) und Olivier Kesslers (Liberales Institut), also Laura Zimmermann und ich, mochten zwar irgendwie schon kritisch sein. Doch den PodiumsgegnerInnen erschienen wir als "nicht links genug". Was meine persönliche Haltung betraf, so musste sie ihnen, insofern sie sie denn überhaupt ernsthaft und umfassend analysiert hatten, als diffus, eben als gefährlich ambivalent vorkommen. Ich kann und werde kein zertifizierter Linker sein, weil ich an viele linke Werte glaube (zuvorderst Gerechtigkeit, Menschen- und vor allem Frauenrechte, positive Korrelationen zwischen Freiheit und Sozialstaat, Solidarität mit unverschuldet in Not Geratenen, Vielfalt jenseits von vervielfältigter Einfalt ), aber nicht an die (real existierende) Linke(n). Aufgewachsen bin ich, wie oben bemerkt, mit der Linken als "pseudo-engagierte[m] Hintergrundrauschen in einer Welt …, die sich die aufklärerische Logik des Kampfes um Anerkennung nur noch als symbolische Romanze (die Bildungsbürger-Variante) oder als natürliche Einstellung (das Volkswagen-Modell) vorstellen kann." (Rau 2013, 14) In der Gessnerallee-Debatte wiederum lernte ich sie als paternalistisch und selbstgerecht kennen – irgendwie schienen alle überzeugt zu sein, die Lösung, nicht aber Teil der Probleme in der gegenwärtigen politischen Landschaft zu sein. Es stellte sich die absurde Situation ein, dass die PodiumsgegnerInnen mich reflexhaft in die rechte Ecke rückten oder zumindest als Rechtenversteher darstellten, wohingegen AfD-Anhänger mich nach der Veröffentlichung meiner AfD- & Jongen-Kritik in der ZEIT (2016) und diversen Blog-Posts als linken Pluralisten-Utopisten beschimpft hatten. Die rechtskonservative Weltwoche bot nach Absage des Podiums an, es bei sich zu veranstalten, was ich selbstredend ausschlug; ein russisches Institut mit nebulöser Agenda lud mich ein, dort mit Jongen zu diskutieren – allerdings müsse noch eine dritte Person aufs Podium, da sonst die Polarisierung rechts-links zu stark [sic] sei. Auch dieses Angebot schlug ich aus. Es ist grotesk. Doch die Geschichte ist voll von solchen Fällen, von ungleich krasseren, ungleich mörderischeren – die zugrunde liegenden Denk- und Empfindungsmuster hingegen sind dieselben. Kürzlich stand ich vor Gräbern von Soldaten der Armia Krajowa auf einem Friedhof in Polen. Die damals größte europäische Untergrundarmee kämpfte im Zweiten Weltkrieg unter schrecklichen Opfern gegen die Nazis. Doch weil ihre Mitglieder überwiegend Nationaldemokraten waren, wurden sie nach Kriegsende munter weiter ermordet – diesmal von den Sowjets (was das Narrativ, "die Linke" habe stets auf Seiten der Unterdrückten gestanden, zumindest in diesem Fall irgendwie fragwürdig macht). Ich muss in diesen Zusammenhängen auch an Eric Voegelin denken, den frühen NS-Kritiker, der 1938 über die Schweiz in die USA floh. Weil er später nicht ins Maoisten- oder 68er-Schema passte, unter anderem aufgrund seiner Ablehnung des Marxismus und seiner Verteidigung des Transzendenzbegriffs, steckte man ihn in die Rechtskonservativen-Schublade. Weil er auch da nicht wirklich reinpasste, musste er für stramm Rechte wiederum ein Linker sein. In seinen 1973 verfassten Autobiographischen Reflexionen schrieb er: "Das unmittelbare und eher äußerliche Resultat [meiner] Reflexionen war meine Opposition gegenüber allen Ideologien – Marxismus, Faschismus, Nationalsozialismus, welche auch immer – sie waren einfach unvereinbar mit Wissenschaft in der Bedeutung von kritischer Analyse. […] Aus diesem Grunde sind Fragen der Parteizugehörigkeit von zweitrangiger Bedeutung; sie gehören in die Rubrik 'Kampf der Ideologien untereinander'. Das aber ist kein völlig neues Phänomen. Es ist bereits in den geistigen Debatten aus der Zeit der Reformation im 16. Jahrhundert zu beobachten. Bei meinen Studien zu dieser Epoche gelangte ich zu der abschließenden Beurteilung, daß es Situationen geistiger Unordnung gibt, wo alle Parteien so falsch liegen, daß es ausreicht, die Gegenseite zu unterstützen, um wenigstens teilweise im Recht zu sein. […] Wegen dieser Position gaben mir Anhänger der unterschiedlichsten Ideologien jeden nur erdenklichen Namen. Ich habe Ordner mit Dokumenten, in denen ich als Kommunist, Faschist, Nationalsozialist, alter Liberaler, Neoliberaler, als Katholik, Protestant, Platoniker, als Neoaugustinianer, Thomist und natürlich auch als Hegelianer bezeichnet wurde." (Voegelin 1994, 65) Ich würde mich als einen Anarchokonservativen bezeichnen, der linke Primärtugenden und rechte Sekundärtugenden vertritt, stets im Wissen, dass Primärtugenden ohne Sekundärtugenden Schimärtugenden sind. Seit 2000 habe ich viele Texte gegen rechts veröffentlicht, von Warnungen vor Unterwanderungsstrategien durch rechte Popmusik bis hin zu unzweideutigen Kritiken an der AfD, aber ich habe nie Slogans wie "Nazis raus!" gerufen oder mich einer linken Partei angeschlossen. Ich war Praktikant bei Attac in Frankfurt am Main und habe zu Beginn des Zweiten Irakkriegs kurzeitig deren Pressesprecher vertreten, ohne die Globalisierung per se abzulehnen oder zum USA-Feind zu werden. Als Vorstand der Pop Initiative Stuttgart e.V. förderte ich jahrelang alternative und obskure Bands, für die in der Stadt sonst kaum Auftrittsmöglichkeiten bestanden. Ich kooperiere derzeit mit der linksprogressiven NGO Oberliht in der Republik Moldau, bin aber weit davon entfernt, deren Indienstnahme der Kunst für Community Building vollumfänglich gutzuheißen. Ich lehne legale und illegale Drogen ab und verehre den Straight-Edge-Anhänger Henry Rollins ebenso wie den Drogenfreund Lemmy Kilmister (R.I.P.). Ich kenne die Verkommenheit und die Klischees der Bodybuildingszene aus eigener Anschauung, sehe aber in ihrer – eingestandenen – Devianz, in ihrer – uneingestandenen – Queerness ( bei Kai Greene tritt sie derzeit sogar offen zutage – die Fans jubeln trotzdem…) und insbesondere im Bodybuilding der Frauen ein großes emanzipatorisches Potential. Ich spiele seit meinem 13. Lebensjahr Heavy Metal aber ich habe nie die Szeneuniform, die Kutte, getragen. Usw., usf. Marx paktierte mit dem Teufel, um den Teufel zu bekämpfen Blickt man zurück in die Geschichte, dann sieht man, dass sogar der Marxismus mit einem Kompromiss begann: Der Bourgeoisie- und Kapitalismuskritiker Karl Marx ließ sich vom champagnertrinkenden, fuchsjagdliebenden Aktienspekulanten und Baumwollfabrikantenerben Friedrich Engels aushalten. Hätte er versucht, eine reine antibürgerliche Lehre zu leben, der Marxismus wäre wohl gar nicht erst entstanden. Marx paktierte mithin mit dem Teufel, um den Teufel zu bekämpfen – blendete diesen Pakt jedoch, ähnlich wie manche seiner radikalen Nachfahren, aus: "Letztlich entsprang Marx' Einkommen der Ausbeutung der Arbeiter in der Textilfabrik Ermen & Engels – auch wenn die Verhältnisse in dieser Fabrik besser als in vielen anderen gewesen sein mochten, blieb es Ausbeutung. Doch darüber schrieb Marx nichts." (Sperber 2013, n.p.) Vergleichbar damit reflektieren (links)progressive Künstler viel zu selten, woher das Geld für ihre Projekte denn eigentlich kommt. Staatliche Förderung verschleiert, dass auch hier das Geld etwa aus dem Waffenhandel oder anderen dunklen Quellen stammen kann. Wenn ich mit Linken diskutiere, frage ich deshalb oft zuerst, bei welcher Bank sie ihr Konto haben. Lautet die Antwort, sie seien Kunde bei einer der üblichen Großbanken, erübrigt sich eigentlich das weitere Gespräch. Während sie über den Neoliberalismus räsonieren, arbeitet ihr Geld vielleicht gerade in einer Diamantenmine im Kongo. Ich bin seit vielen Jahren Kunde und Genossenschaftsmitglied bei der GLS Bank – nicht, weil mir deren anthroposophischer Hintergrund behagt, sondern weil sie eine der wenigen Banken ist, bei der man spezifizieren kann, in welchen Bereichen das Geld angelegt wird. An diesem Punkt, bei der Steuerung der Finanzströme, und nicht beim Faschokloppen , beginnt der eigentliche und nachhaltige alternative Lebensstil. Aber zurück zur Ambivalenz. Wenn die Neue Rechte Komplexität und Pluralität als Feigenblätter des autoritären Charakters missbraucht, bedeutet das nicht, dass Ambivalenz als solche in Misskredit geraten muss. Im Gegenteil. Wie oben erwähnt, ist (postmoderne oder Voegelin'sche) Ambivalenz alleine schon deshalb wichtig, weil sie noch Utopisches, in gebrochener Form, in sich birgt; weil sie als transversaler Lebensstil bislang leider vor allem in marktgängigen Schrumpfformen auftritt; weil sie eine Sensibilität für alle Bereiche des (Da)Seins weckt; und weil sie sowohl jene, die wieder Mauern um ihre Menschengehege hochziehen wie auch jene, die sich ihres eigenen progressiven Linksseins allzu sicher sind, ziemlich nervt. Erneut: Ambivalenz nicht als "Hexenhammer pseudosoziologische[r] Intelligenz" (Rau 2013, 12) oder als kommodifizierten Allerleiismus, sondern als Lebensstil, der Komplexität, der Ironie als Haltung begreift – und als Antidot gegen Selbstgerechtigkeit, gegen Verführbarkeit durch Ideologie. Milo Rau macht es vor, wenn er dafür plädiert, dass nur eine Kreuzung aus dem "systemtheoretischen" und dem "anarchistischen" Lenin; dass nur ein "zugleich radikal dekonstruktiver und völlig altmodisch konkreter Realismus" überzeugende Perspektiven bietet – "das eine ohne das andere schafft keinen Widerstand." (Rau 2013, 67) Diesem Diktum schließe ich mich gerne an. Wenn das "links" sein soll, werde ich meine Weigerung, mich als "links" zu bezeichnen, vielleicht doch noch überdenken. Und plötzlich beginnt da in irgendeiner Hirnwindung Motörheads Dogs zu rotieren: " Here we are in confusion / Could be it's all an illusion / Who knows the times to come / The years to face, the race to run / We believe in the graven image / We believe in the fight to the finish / We desire the almighty dollar / The pound of flesh, the golden collar / Lick the hand, we give our land to dogs ." In seinem Buch Die Gegenwärtigkeit des Mythos stieß der Marxist Leszek Kołakowski, ernüchtert, ja entsetzt von der real existierenden Linken, in den 1970ern in dasselbe Horn wie heute Rau. Die mythische (bei Rau: anarchische) und die rationalisierte (bei Rau: systemtheoretische) Ordnung eigneten sich nicht zur Synthese – gleichwohl seien wir gezwungen, uns in beiden zu bewegen. Man müsse, so Kołakowski, „zwei Herren zugleich dienen“, denn „die Kultur lebt stets aus dem Wunsch nach endgültiger Synthese ihrer zerstrittenen Bestandteile und aus der organischen Unfähigkeit, sich diese Synthese zu sichern. Der Vollzug der Synthese wäre ebenso der Tod der Kultur wie der Verzicht auf den Willen zur Synthese.“ (Kołakowski 1973, 168–169) Das meint "Ironie als Haltung" – rational im Mythischen und mythisch im Rationalen zu leben, die Spannung zu halten, statt sie aufzulösen; die zwei Lenins in "einer Art unerklärte[n] Konkurrenz" miteinander ringen zu lassen. (Rau 2013, 64) Trump & Co. wollen die postmoderne Dekonstruktion dekonstruieren Allein in dieser Hinsicht haben Trump & Co., die da angetreten sind, die postmoderne Dekonstruktion zu dekonstruieren, die Ironie zu überwinden und die Herrschaft des Mythos zu reinstituieren (aka "Postfaktizität"), bereits gewonnen: Ambivalenz ist wieder zu einer Gefahr geworden. Stephen Bannon kennt nur den steroidösen Lenin als Zerstörer , während Gianni Vattimos "schwaches Denken", das so erfrischende Unwahrscheinlichkeiten wie eine Kontinuität zwischen christlicher Theologie und postmoderner Philosophie/Ethik postuliert, Teilen der Linken angesichts der Militanz von Trump & Co. als unzureichend erscheint. Letzteres ist einerseits – wenigstens intuitiv – nachvollziehbar. Andererseits wird so ein Prozess in Gang gesetzt, bei dem stets die Populisten am längeren Hebel sitzen. Je einseitiger ihre Invektiven und Handlungen, desto einseitiger die Reaktionen ihrer GegnerInnen; desto mehr verbunkert man sich im eigenen Lager. Die einen rufen "Grenzen zu!" Die anderen rufen "Kein Mensch ist illegal!" Die einen rufen "Linksfaschisten"! Die anderen rufen "Nazis"! Die einen rufen "Gutmenschen!" Die anderen rufen "rechte Hetzer!" Die einen rufen "Neoliberale!", die anderen "Kommunisten!" In ihrem Essay "Ich bin nicht mehr links" schrieb Verena Friederike Hasel kürzlich: "Als ein Zürcher Theater vor Kurzem eine Podiumsdiskussion anberaumte, an der … auch ein AfD-Politiker teilnehmen sollte, protestierten Kulturschaffende so scharf, dass die Veranstaltung abgesagt wurde. Ich fragte einen Regisseur, den ich noch aus Studienzeiten kenne und der zu den Initiatoren des Protests gehörte, ob er denn nicht glaube, dass eine politische Auseinandersetzung mit der AfD nötig sei. Er habe sich schon in einem seiner Stücke intensiv mit der AfD auseinandergesetzt, antwortete er. Wie er haben offenbar viele Linke das Selbstgespräch für sich entdeckt." (Hasel 2017, 62) Die damit einhergehende Spaltung der Gesellschaft aber ist genau das, was dem autoritären Charakter zupass kommt – und in Zürich trat denn auch genau das ein: Das "progressive Lager" – in Ermangelung eines besseren Begriffes gebrauche ich das Wort "progressiv" trotz seiner evidenten semantischen Leere – spaltete sich, genauer gesagt: Es wurde vom linken Rand her gespalten. Auch wenn historische Vergleiche meist unscharf und irreführend sind, riefen die Auseinandersetzungen doch in manchen Momenten Assoziationen an die 1920er und 30er Jahre wach, als die KPD ihren größten Feind nicht etwa in der NSDAP, sondern in der SPD sah. So wurde die Möglichkeit einer Einheitsfront zunichte gemacht. Quis separabit? "Einheitsfront" bedeutet dabei nicht, dass alle sozialistischen, kommunistischen, sozialdemokratischen oder sonstwie gemäßigt linken und linksliberalen Kräfte in jedem Moment, bei jeder Gelegenheit zusammenarbeiten, sondern zuvorderst, dass man es tunlichst vermeiden sollte, rechten Bewegungen durch Selbstschwächung Auftrieb zu geben. Es ist schon bizarr, dass sogar eine altgediente Metalband wie Kreator heute vernünftigere (huch: Vernunft!) Vorschläge unterbreitet: " I don't know if I can trust you / All I know is that I can not trust myself / Let's face our imperfections now to connect / Capitulation deserves no respect / Let us be a part of the cure / Never part of the plague / We'll only be remembered for what we create ". Erst das Eingeständnis der eigenen Schwächen, so Kreator, ermöglicht nachhaltige Allianzen kritischer Kräfte. Verbindungen? Allianzen? Fehlanzeige. Es kam zur Spaltung. Unter den Vorzeichen der Dringlichkeit des Kampfes gegen Rechts und in der Gewissheit des eigenen Rechthabens wurde verhindert, dass eine ambivalente Veranstaltung wie "Die Neue Avantgarde" auf kleiner Bühne stattfinden konnte – und am Ende stand der AfD-Mann Marc Jongen als Hüter demokratischer Werte da und gab Interview um Interview in der – wie es euch gefällt – System-, Lücken- oder Lügenpresse. Chapeau! Um diesen Ausgang zu erahnen, hätte es keiner Kristallkugel bedurft. Wenn eine linke Zeitung nach der Absage des Podiums aufgrund von Sicherheitsbedenken siegestrunken schrieb, das Theater hätte wissen müssen, dass Jongen ein Sicherheitsrisiko sei , so bediente sie sich einer ähnlichen Logik wie Schutzgelderpresser, die Sicherheit vor einer Bedrohung versprechen, welche sie selbst darstellen. "Rein links" und "rein rechts" ist ein Phantasma Alles in allem machte sich unter den GegnerInnen des Podiums ein Bedürfnis nach klaren, überschaubaren Verhältnissen bemerkbar. Darin ähnelten sie ihren Kontrahenten. So hieß es an einer Stelle, es handle sich um ein " rein rechts und liberales Podium ", was nicht zutraf (siehe meine 'Selbstbeschreibung' oben) – nicht zuletzt dahingehend, dass liberale oder rechte Positionen in der Realität eigentlich niemals "rein" auftreten, sondern immer flankierender linker oder sonstiger 'externer' Maßnahmen bedürfen. Umgekehrt gilt dasselbe für die Linke, wie beispielsweise Lenins Rechtsruck zeigt. Der Bolschewist vermochte es, binnen kürzester Zeit von einem "Punk-Lenin, der einen befreienden Browning-Geruch verströmt, der den Kapitalismus nicht dekonstruiert, um ihn ein wenig fairer zu organisieren" (Was tun?) zum Verfasser einer "kybernetische[n] Onaniervorlage, eine[r] Orgie der organisationsanalytischen Fricklerei" (Staat und Revolution) zu mutieren. (Rau 2013, 62) Man könnte aber auch an Denis Diderot denken, der zuerst das anthropische Prinzip der Moderne prägte und es knapp 15 Jahre später mit protoevolutionären Argumenten durchkreuzte. Kurz, "Reinheit" ist ein Phantasma und lebensweltliche Realität entspinnt sich stets in der Konkurrenz zwischen, sagen wir: Situationismus und Bürokratismus; ähnlich wie in der Liebe Egoismus und Altruismus aufs Innigste verbunden sind. Überdies steht, um noch einmal auf den eben erwähnten Liberalismus-Vorwurf zurückzukommen, die unter Linken beliebte Kritik des Liberalen in brisanter Nachbarschaft zu den Denkern der Konservativen Revolution wie Carl Schmitt. Die hassten das Liberale, weil es ihnen leer und beliebig vorkam. Dabei wäre es viel eher angebracht, das Liberale, ähnlich wie die Postmoderne, gerade in seiner Ambivalenz als Supplement oder Komplement anderer politischer Bewegungen zu begreifen. Die direkte Auseinandersetzung (im Bewusstsein der eigenen Stärke) mit den Neuen Rechten, die ja längst in den Parlamenten sitzen, wo direkte Auseinandersetzungen unumgänglich sind, wurde von den PodiumsgegnerInnen kurzerhand als Ausdruck von "Verständnis" und "Affirmation" abgetan – allenfalls müsse es in direkten Debatten darum gehen, die Mythen und die Propaganda des Feindes "zu zerstören", so die ErstunterzeichnerInnen des offenen Briefes in ihrer Replik auf die Absage des Podiums. "Zerstörung" also. Noch so ein modernistischer Topos. Schön wäre es ja. So einfach. Und dann zurück zur eigenen, mythenfreien Tagesordnung. Doch weder Feinde noch Mythen lassen sich "zerstören", wie Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung belegt haben – wann immer die Aufklärung glaubt, dies zu vermögen, kippt sie ihrerseits ins Mythische und Totalitäre. Wer ohne Mythos und Propaganda ist, der schreibe den ersten offenen Brief... Von "Zerstörung" war in der Ankündigung des Theaters Gessnerallee tatsächlich nicht die Rede, sondern von "debattieren" vor einem kritischen Publikum. Somit konnte das Podium, gemäß der dualistisch-gnostischen Logik, nur der Affirmation und Normalisierung des Feindes dienen. Die dunkleren Seiten des eigenen Milieus und seiner Genealogien, etwa was linken Terror im 20. Jahrhundert betrifft, spielten in der Argumentation der PodiumsgegnerInnen nie eine Rolle – warum auch, die Zwecke heiligen doch die Mittel und überhaupt werden letztere immer von der Radikalität des Feindes diktiert. Bazon Brock schrieb 1983: " Wichtig ist … nicht, was Faschist oder Demokrat, Politgangster oder Menschenfreund jeweils für Kunst halten, welche Werte sie hochhalten, welche Ideen und Ziele sie proklamieren, sondern in welcher Weise sie von ihrer Kunst und ihren Werten Gebrauch machen ." Mangelnde Selbstkritik, Ausblendung von Teilbereichen der Realität und uneingestandene Selbstwidersprüche (Selbstwidersprüche als solche sind natürlich unausweichlich) sind die besten Steilvorlagen für die Neue Rechte. Wer letztere bekämpfen will, muss paradoxerweise auch sich selbst bekämpfen. Während Marc Jongen von den PodiumsgegnerInnen zu einem rassistisch-faschistisch-antidemokratischen Superhelden stilisiert und seine – de facto doch eher geringe – Bedeutung auf nachgerade devote Weise ins Kosmische überhöht wurde, qualifizierte man die – noch junge, in Entwicklung begriffene – Operation Libero als zahnlos ab oder unterschlug ihre linksprogressive gesellschaftspolitische Positionierung, um sie als bloß " wirtschaftsliberale " Bewegung verunglimpfen zu können. Kein Wort von ihren Kampagnen für die erleichterte Einbürgerung oder für die Ehe für alle. Wer in absurden Kategorien wie "rein links", "rein liberal" oder "rein rechts" denkt, kann auch gar nicht anders. In diesem Zusammenhang wird ein Muster erkennbar, das aus den Kontroversen um Thilo Sarazzin bekannt ist. Man hätte den SPD-Politiker, seines Zeichens der eigentliche Wegbereiter der AfD, weitaus wirkungsvoller kritisieren können, wenn man nicht sogleich Nazi-Vergleiche bemüht hätte. Je früher und reflexhafter sie zum Einsatz kommen, desto hilfloser wirken sie. So ist die Eugenik, mit welcher Sarazzin liebäugelt, keine Erfindung oder Domäne des NS – gerade in modernen liberalen und sozialdemokratischen Staaten kam diese zur Anwendung (etwa in Kanada, Schweden und in der Schweiz um 1900). Die Apologie der Gewalt, welche man den Neuen Rechten attestiert, ist der historischen Linken nicht fremd (siehe meinen Beitrag zum Podium mit Alain Badiou im Theater Gessnerallee ). Auf der anderen Seite war es ausgerechnet der Liberale (huch: liberal!) Stuart Mill, der sich im 19. Jahrhundert mit Vehemenz für die Frauenrechte einsetzte. Die Pietisten wiederum hatten einen gewissen Hang zum Anarchistischen und die konservativen Sozialreformer des 19. Jahrhunderts, etwa Jeremias Gotthelf, teilten so einige Anliegen mit ihren sozialistischen Zeitgenossen. Nur waren sie weniger radikal und setzten auf das, was man im selben Zeitraum in Polen, nach mehreren gescheiterten Aufständen, als "praca organiczna", als "organische Arbeit" bezeichnete: pragmatische, langfristig orientierte Projekte. Hier also müsste man ansetzen. "Nazis raus!" rufen und vom Faschoprügeln schwärmen ist schön und gut. Aber wann hätte man es jemals erlebt, dass die Nazis auf den Zuruf hin tatsächlich gegangen wären oder die Faschos nicht zurückgeprügelt hätten? Der Gegner ist kein statischer Block – sondern ein waberndes Gebilde Das 'Gessnergate' zeigte: Wer kein Bekenntnis ablegt, wer in aufgeheizten Zeiten ambivalent bleibt, wird schnell zwischen den Fronten zerrieben. So verständlich und dringlich das Anliegen ist, sich Trump, AfD & Co. entgegenzustellen, verzerrt doch vulgärmilitanter Widerstand seinerseits die Realität in einem Maße, dass er unweigerlich am Ziel vorbei schießt. Denn das Ziel ist kein statischer Block. Sondern ein waberndes, dynamisches, vielschichtiges, widersprüchliches Gebilde. Wenn etwa The Tribe Called Quest in ihrem großartigen Song "We the People" (2016) rappen: " All you Black folks, you must go / All you Mexicans, you must go / And all you poor folks, you must go / Muslims and gays, boy, we hate your ways / So all you bad folks, you must go ", dann prangern sie zurecht Trumps Rassismus an. Trump ist ein Rassist und ein Hetzer, der mit allen – legitimen – Mitteln bekämpft werden muss. Es ist eine Schande, dass ein Kretin wie er im 21. Jahrhundert Präsident der USA werden kann; dass das alte Rezept "Verachtung-der-Massen-gleich-Liebe-der-Massen" offenbar noch immer funktioniert. Aber im Gegensatz zu den Strophen des Songs, in denen TTCQ mit raffinierten intertextuellen Mitteln unter anderem Gentrifizierung und Hillary Clintons Unglaubwürdigkeit aufs Korn nehmen, entgeht ihnen im Refrain die eigentliche Strategie der Neuen Rechten. Diese nämlich aktualisieren den Rassismus, indem sie ihn entessentialisieren (vgl. auch Balibars und Halls Theorem des "Rassismus ohne Rassen") und sich gewissermaßen durch Division absichern: Nicht alle Mexikaner sollen raus. Sondern nur bestimmte Mexikaner ("illegale"). Sie sind nicht gegen alle Homosexuellen. Sondern nur gegen bestimmte Homosexuelle oder bestimmte Formen der Homosexualität. Wladimir Putin beispielsweise gibt vor, nicht die Homosexualität als solche abzulehnen – die öffentliche Zurschaustellung indes solle doch bitteschön unterbleiben, sie gefährde den sozialen Burgfrieden. Geert Wilders wiederum geriert sich als Schutzpatron der LGBT-Community, die er durch den Islam existentiell bedroht sieht. Kurz, die Neuen Rechten und die Neuen Autoritären halten sich stets einen Spielraum frei, innerhalb dessen sie versichern können, sie seien eigentlich nicht rassistisch, nicht autoritär, nicht homophob, etc. Man könnte diese Strategie als divisionistischen Rassismus bezeichnen. Ein weiteres Beispiel hierfür ist die AfD. Auch wenn ihre GegnerInnen es gerne so hätten: Sie ist nicht identisch mit dem völkischen Gernegroß Björn Höcke, gegen den derzeit ein Parteiausschlussverfahren läuft und den die Parteispitze, als wolle sie die Absurdität auf die Spitze treiben, nun sogar mit Hitler vergleicht . Die Lage ist vertrackt. Kreisvorsitzender der AfD in Kiel ist der Schwarze Achille Demagbo aus Benin; die Homosexuelle Alice Weidel amtet im Bundesvorstand der Partei. Und auch wenn Marc Jongen klar in der Tradition der Konservativen Revolution steht, lehnt er doch – zumindest auf dem Papier – den Liberalismus, mithin den gemeinsamen Feind von Carl Schmitt, Moeller van den Bruck & Co., nicht ab. Oder denken wir noch einmal an Putin. In ihrem lesenswerten Buch Mr. Putin (2012) fächern Fiona Hill und Clifford Gaddy ihn souverän in seine Einzelteile auf: " the fire-fighting airplane pilot, the shirtless big-game hunter, the scuba diver, the easy-rider biker, the nightclub crooner. Putting the Kremlin special props department to one side, Hill and Gaddy have identified six more revealing faces: the statist, the man who rifles Russian history for inspiration, the survivalist, the outsider, the capitalist and the KGB case officer. Even for those intent on seeing Putin only as a KGB man, Hill and Gaddy have something new to say. " Wer hingegen sein Ambivalenz- und Komplexitätssensorium ausgemustert und nur eine Schublade gezimmert hat, um Putin darin wegzusperren, lässt den anderen Putins freie Hand. Wenn, um ein anderes Beispiel zu erwähnen, ein Theaterregisseur und Hauptkritiker des Podiums zuerst alle Übel der Welt säuberlich auflistet, sie dann aber in einen Topf wirft und wild darin herumrührt – Geert Wilders, Donald Trump, Marc Jongen, Jörg Scheller, Christopher Kriese, Intoleranz, Xenophobie, Nationalismus, Wirtschafts- und Neoliberalismus, Hyper-Kapitalismus, Rechtsextremismus, Faschismus, Frauenfeindlichkeit, Fake News, usw., –; oder wenn er in einem Disput mit einem Theaterintendanten sich nicht anders zu helfen weiß, als diesem ein " willkürliches Terrorregime " zu attestieren – die Liga der Diktatoren und Terroristen dieser Welt hat bereits Beschwerde gegen den unstatthaften, sie herabsetzenden Vergleich eingelegt –, so vergreift er sich auf ähnliche Weise im Ton wie die Kollegen von Weltwoche und Co. Immer gleich den großen Hammer herausgeholt! Doch mit einem Hammer erledigt man keinen Heuschreckenschwarm. Ein Ausweis von Souveränität würde darin bestehen, sich nicht aufs Niveau des Gegners oder wahlweise Feindes zu begeben. Fast möchte man sogar als Agnostiker den Rat aussprechen, doch zur Abwechslung mal im Neuen Testament zu blättern. Die Kritik an der Neuen Rechten darf auf jeden Fall nicht hinter deren Komplexitätssteigerung zurückfallen, auch wenn letztere eine nur scheinbare sein mag. Gustav Seibt hat kürzlich in der Süddeutschen Zeitung überzeugend dargelegt, dass die Linke es sich derzeit zu einfach mache, etwa im Suhrkamp-Sammelband Die große Regression (2017), wo die internationale linke Diskursprominenz versammelt ist: " Schuld sei nämlich, so das Unisono, 'der Neoliberalismus', die globalisierte Wirtschaftsweise, die sich nach dem Ende des sowjetischen Kommunismus siegreich ausgebreitet hat, also der Komplex von Freihandel, Entgrenzung der Arbeitsmärkte, Deregulierung von Finanzmärkten und Sozialstandards, der die überkommenen Sicherheiten in den Containern national verfasster Sozialstaaten infrage stellt. … Ist das wirklich ein Best-of linken Denkens in der Welt? Das wäre erschütternd. […] Leidet Italien wirklich an Deregulierung und nicht doch eher an Mafia, Staatsklientelismus, sklerotischer Justiz und einem unterirdischen Ausbildungswesen? Neoliberal mag die internationale Umgebung für Italien geworden sein und damit wirtschaftlichen Misserfolg verschärfen, auf sein Innenleben hat sich das bisher kaum ausgewirkt. Freilich, wer 'Lebensweisen' (Streeck) unter allen Umständen unter Artenschutz stellen will, muss den Italienern auch ihren Schwarzgeld- und Schwarzarbeitskapitalismus lassen. " Wer Gandalf der Weiße spielen will, zaubert sich einen Sauron herbei In ihrer Kritik machten auch die PodiumsgegnerInnen vor dem Divisionismus nicht Halt. Lieber Spaltung, als die reine Lehre zu verletzen. Aus den vielen konfligierenden Elementen meiner Person beispielsweise suchten sich die ErstunterzeichnerInnen des offenen Briefes sowie ein paar Journalisten und Kulturschaffende jene heraus, die sie taktisch gegen das Podium verwenden konnten – und schon stand eine Figur, die man in Anbetracht des oben Genannten doch eher als klischeehaft postmodernen Pluralisten, also als das Feindbild vieler Rechter charakterisieren müsste, als deren heimlicher Komplize dar. Eine Zeitung bezeichnete mein Streitgespräch mit Marc Jongen von 2016 als " lockeren Austausch " – darin argumentiere ich unter anderem, dass die meisten vermeintlich "konservativen" Bewegungen "in Wahrheit nicht konservativ, sondern regressiv sind. Schrille und martialische Töne dominieren, man wühlt in der Mottenkiste des Völkischen, man lanciert dieselben kruden Vereinfachungen und Unredlichkeiten, die man dem Gegner vorwirft"; ich attestiere Jongen eine "Politik mit der ideologischen Brechstange"; ich kritisiere Rosinenpickerei mit Blick auf die Globalisierung, "frei nach dem Motto: Wirtschaftsprofite, gerne – Migranten, nein, danke!"; ich stelle die Suggestivfrage, ob den Rechtskonservativen "das Liberale nicht das [ist], was dem Wolf die Kreide ist?"; ich sage: "Dass Blödsinn politisch inkorrekt ist, macht ihn nicht weniger blödsinnig"; usf. Lockerer Austausch also. Der oben genannte Theaterregisseur schrieb, ich hätte mich der AfD anheischig gemacht: "Herr Scheller reagierte darauf auf seinem Blog, indem er die AfD verteidigte (man dürfe sie nicht 'monolithisieren ')…" Tatsächlich hatte ich jedoch, etwas verschwurbelt und professionell deformiert, folgendes geschrieben: " Wer nun die AfD monolithisiert, leitet Wasser auf ihre Mühlen. Denn monolithische Geschlossenheit ist es, um was sie ringt. Mit Kampfbegriffen wie 'ultrarechts', 'rechtsextrem', 'faschistisch' oder 'nazistisch' verschafft man ihr eine erhabene Aura, welche den Kampf der Gegner zwar umso edler erscheinen und in apokalyptischem Glanz erstrahlen lässt, aber auch umso vergeblicher macht. Wer die AfD bekämpfen möchte, tut gut daran, keine zweite, homogene Realität zu konstruieren, sondern die heterogen-heterodoxe Parteirealität mitsamt ihrer Antinomien und autodestruktiven Potentiale zu explizieren ." Verteidigung der AfD also? Ulkig. Und so geht's dann weiter, präzise im Takt der selektiven, reduktionistischen populistischen Logik, wie man sie auch von rechts kennt. Zitiert wird etwa ein Auszug aus meiner Entgegnung auf Christopher Krieses Meditation-statt-Mediation-Gedankenspiel: „Es gilt, sich – temporär – selbst zu verlieren, möglichst 'interesselos' in sich hineinzuhören, die auf- und vorbeiziehenden, teils konträr zur eigenen Haltung stehenden Gedanken nicht abzuwehren, sondern sie zuzulassen.“ Isoliert betrachtet klingt das, als begäbe ich mich auf Kuschelkurs mit den Rechten. Doch natürlich strich der Kritiker einfach den Folgesatz, um meine Aussage in sein Zerrbild der Realität einzupassen. Ich sage nämlich: " In einem zweiten Schritt müssen sie jedoch einer kritischen Analyse unterzogen werden: keine Meditation ohne Reflexion, kein Osho ohne Kant! " Weiter heißt es, ich begehrte wie Jongen gegen "repressive Toleranz" auf. In Wahrheit schreibe ich, dass derzeit " jedes noch so krude reaktionäre Ressentiment zu einer solchen Kritik [an Political Correctness & repressiver Toleranz] verbrämt wird ." Dass ich mich mit AfD-Anhängern austausche, wird sodann als "anbandeln" eingestuft. Doch der Inhalt des Austauschs, der sich durch ein paar Hate Mails besagter Anhänger infolge meiner Polemik gegen Jongen entspann, ist dem Kritiker gar nicht bekannt. An einer Stelle nennt er mich einen "linken Intellektuellen", an anderer Stelle wiederum einen "postmodernen progressiven Reaktionär". Ja was denn nun? Moniert wird weiterhin, dass Kriese und ich ökonomische Verhältnisse, namentlich den Neoliberalismus, ausklammerten – dabei werden diese unter anderem in meinem Dialog mit Paul Stephan ausführlich thematisiert. Da argumentiere ich: " Weite Teile der neuen Rechten wie auch die Neoliberalen sind indes allenfalls passive Errungenschaftsverwalter … oder schlagen gar eine andere Richtung ein: Sie torpedieren das für wahren Liberalismus essentielle Prinzip der Rechtsgleichheit. […] So suggeriert die AfD: Ein Verbrechen, begangen von einem Syrer, wiegt schwerer als ein Verbrechen, begangen von einem Deutschen. […] Die AfD ist nun tatsächlich keine Alternative, was den Neoliberalismus betrifft. Andererseits bin ich mir nicht sicher, inwiefern die Partei diesbezüglich eine herausragende Stellung einnimmt. Viele neoliberale Ideen kamen und kommen ja im Gewand des Fortschritts und der Emanzipation daher: empowerment! " Auch unterstellt der Kritiker, auf dem Podium hätten "'neue Allianzen' zwischen Konservativen, Rechtsextremen und Liberalen geschlossen werden" sollen – von Allianzen ist nirgendwo die Rede (außer in seiner) und sowohl Laura Zimmermann als auch ich hatten vorab klar Position gegen Rechts bezogen (nur nicht für die "reine" Linke). Eine Debatte ist kein Speed-Dating. So könnte ich noch lange fortfahren. Aber das spielt alles keine Rolle. Wer unbedingt Gandalf der Weiße spielen will, der zaubert sich halt einen Sauron herbei. Die gefährliche Sehnsucht nach eindeutigen Identitäten Genau an diesem Punkt scheint die gefährliche modernistische Sehnsucht nach einer eindeutigen Identität, nach klaren Verortbarkeiten auf; eine Sehnsucht, die sich auch im einseitigen Verständnis des Avantgarde-Begriffs , wie er im offenen Brief zutage trat, artikuliert hatte. Wer manche Diagnosen mit der Neuen oder alten Rechten teilt – Merkels fatale Schlingerkurse, die Fragwürdigkeit von Neusprech-Begriffen wie "Gender Mainstreaming", die Demokratiedefizite in der EU, die blinden Flecke der Linken, etc. –, so wurde suggeriert, der kann nicht weit entfernt sein von ihr! Wer das Siegel "rein links" nicht trägt, der steht schon auf rechtem Terrain! Als gäbe es keine anderen Terrains… Und wieder verpufft ein Pluriversum. Mir kommt an dieser Stelle Stuart Halls wunderbarer Text über Kulturelle Identität und Globalisierung in den Sinn. Ich möchte eine längere Passage daraus zitieren, um zu unterstreichen, warum es heute mehr bedarf als "kein Fußbreit!" zu rufen, vor dem Rückfall in den Nazismus zu warnen, von der "Zerstörung" des Feindes zu träumen und "rein" links gegen "rein" rechts oder links gegen liberal auszuspielen: "1991 bemühte sich Präsident Bush, durch die Nominierung von Clarence Thomas, einem schwarzen Richter mit konservativen Ansichten, eine konservative Mehrheit des US-Supreme Court wiederherzustellen. Nach Bushs Berechnung waren weiße Wähler, die Vorurteile gegenüber einem schwarzen Richter gehabt haben könnten, bereit, Thomas zu unterstützen, weil er in Fragen der Gleichstellungsgesetzgebung konservativ war, schwarze Wähler dagegen, die eine liberale Politik in der 'Rassenfrage' unterstützen, weil er schwarz war. Der Präsident spielte 'das Spiel der Identitäten'. Während einer Anhörung des Senats über diese Angelegenheit wurde Richter Thomas von einer schwarzen Frau, Anita Hill, der sexuellen Nötigung angeklagt. Die Anhörung führte zum öffentlichen Skandal und polarisierte die amerikanische Gesellschaft. Einige Schwarze unterstützten Thomas aus 'rassischen' Gründen, andere bekämpften ihn aus geschlechtsspezifischen Gründen. Schwarze Frauen waren gespalten, je nachdem, ob ihre 'Identitäten' als Schwarze oder als Frauen den Ausschlag gaben. Ebenso waren schwarze Männer gespalten, je nachdem, ob ihr Sexismus oder ihr Liberalismus überwog. Weiße Männer waren es nicht nur je nach ihrer politischen Haltung, sondern auch danach, wie sie sich selbst gegenüber Rassismus und Sexismus identifizierten. Weiße konservative Frauen unterstützten Thomas nicht nur aus politischen Gründen, sondern auch aufgrund ihrer Gegnerschaft zum Feminismus. Weiße Feministinnen, meist liberal in Bezug auf die 'Rasse', bekämpften Thomas aus geschlechtsspezifischen Gründen. Und weil Richter Thomas ein Mitglied der juristischen Elite ist und Anita HilI zum Zeitpunkt des angeblichen Vorfalls eine Angestellte in der Ausbildung war, wirkten ebenso Fragen der sozialen Klassenposition mit in die jeweiligen Argumente hinein. Nicht die Frage nach der Schuld oder Unschuld von Richter Thomas ist hier Gegenstand, sondern das Spiel der Identitäten und seine Konsequenzen." (Hall 1999, 399–400) Das Brisante ist, dass die Neuen Rechten dieses "Spiel der Identitäten" verstanden haben. Sie inszenieren sich als komplex, widerspenstig, pluralistisch. Sie kapern das Erbe der 68er, sie locken mit jener Aura des Verbotenen, Abenteuerlichen und Gegenbewegten, die früher der Linken zu eigen war. Manche entwickeln gar einen verstörend hybriden queer fascism ; Subgruppen der Alt-Rights laborieren – wie schon der gruselige Ernst Röhm – an einem Konzept von Homosexualität als Männerbund (Jack Donovan). Das hat nichts mit postmoderner Ambivalenz zu tun, sondern zielt auf einen im Telos gewaltsamen Kulturkreis-Pluralismus, der nicht auf Koexistenz, sondern auf Konkurrenz; nicht auf Verwindung, sondern auf Überwindung abzielt; der nicht auf dynamisch-transkulturelle Mikro-Unterschiede, sondern auf ahistorisch-interkulturelle Makro-Unterschiede fokussiert. Wenn etwa Marc Jongen und Jörg Meuthen vom " 68er-verseuchten Deutschland " sprechen, ist klar, auf was ihre Rede hinausläuft: Seuchen merzt man aus. Dumm nur, dass ihre heftigsten Kritiker ebenfalls glauben, auf der richtigen und gerechten Seite zu stehen, sich in Ausmerzungsphantasien ergehen und sogar dann, wenn Frauen Trump wählen, nicht auf den Gedanken kommen, es könne vielleicht weniger etwas mit Trump per se als damit zu tun haben, dass das Lager der Trump-Kritiker keine überzeugenden Alternativen anbietet (siehe oben Milo Rau). Dumm auch, dass (vermeintliche) Ex-68er und (vermeintliche) Ex-Maoisten wie Götz Aly in die gleiche Kerbe hauen und ihre gegenbewegte Adoleszenz in die Nähe des NS-Aufbruchs rücken ( Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück ). Doch Alys noch in der Selbstanklage selbstgerechter Furor ist weiterhin maoistisch gefärbt; seine Polemik bleibt dem Habitus der radikalen Strömungen der 68er verhaftet. Darin ähnelt sie der radikalen Islamkritik des Ex-Muslimbruders Hamed Abdel-Samad. Unter postmodern-ambivalenten Gesichtspunkten müsste man sich eher fragen: Was hat die 68er-Generation geleistet, was ist ihr gelungen, woran ist sie gescheitert? Wie können wir Elemente der Bewegung aufgreifen, aktualisieren, in neue Bewegungen integrieren, verknüpfen, verflechten, transformieren, mit ihnen improvisieren, was können wir ad acta legen? Welche Strömungen des Islam sind besonders empfänglich für das, was Abdel-Samad "Faschismus" nennt, welche sind es nicht und warum sind sie es nicht? Wie kommt es, dass auf Grundlage ein und derselben heiligen Schrift so diverse Glaubensrichtungen wie das Alevitentum, der Sufismus, die Schia oder der Wahhabismus entstehen konnten? Wie dem auch sei: Die Zeit, da die Rechten – oder wie immer man sie nun eigentlich bezeichnen will – aus guten, wenigstens gut gemeinten Gründen kein Teil des Mainstreams und der Medienöffentlichkeit waren, haben sie für Fortbildungen in Komplexitäts- und Raffinessesteigerung genutzt. Wenn man so will, hat man ihnen einen, wenngleich unbezahlten, Weiterbildungsurlaub ermöglicht. Im medialen Off studierten sie ihre Gegner, während sich diese auf der sicheren Seite wähnten. Die wahre Bedrohung wurde lange übersehen. In den Glatzen des Feindes spiegelte sich das eigene Gesicht aber auch allzu vorteilhaft. Exklusion, progressivistisch: Die Revolution cist ihre Kinder Eine direkte Auseinandersetzung mit den Neuen Rechten, den Hybridrechten, den Hipster-Rechten, den Fremdwortrechten, hätte vielleicht dazu beitragen können, dass man gar nicht erst in den angsterfüllten Defensivmodus geraten wäre, der nun dominiert. Solche Debatten, die in Erkenntnisgewinn und nicht einfach nur in mediale Schlammschlachten ausarten, waren einmal durchaus üblich – Martin Luther King etwa debattierte 1960 öffentlich mit dem Verfechter der Rassentrennung James J. Kilpatrick; wie oben erwähnt, trat Adorno 1965 mit dem NSDAP-Mann Arnold Gehlen im Fernsehen auf. Interessant ist, dass sowohl King wie auch Adorno ambivalente Figuren waren und in komplexen Zusammenhängen dachten. Während Malcolm X, aus nachvollziehbaren Gründen zwar, zu dualistisch-gnostischen Szenarien neigte – "the ballot or the bullet; "es gibt keinen Kapitalismus ohne Rassismus" –, setzte der von der Bergpredigt inspirierte King auf Synthesen und Gleichzeitigkeiten. Gerade die kontraintuitive Dimension seiner Haltung und seines Handeln macht diese bis heute so wertvoll und inspirierend. Adorno wiederum pflegte auch als Linker – darin Engels und Marx nicht unähnlich – weiterhin den ihm von Kindesbeinen an vertrauten großbürgerlichen Lebensstil und rief die Polizei, als 1969 Studierende das Frankfurter Institut für Sozialforschung besetzten. Ihre rabiaten Methoden weckten bei ihm Erinnerungen an die Militanz der Nationalsozialisten; wie Jürgen Habermas befürchtete er, die Studentenbewegung könne ihrerseits in Faschismus umschlagen. Da ist es umso fataler, dass die komfortablen exklusionistischen Muster auch heute wieder bei den – vermeintlichen – Progressiven aufscheinen. Kürzlich las ich von einem "queer-feministischen Nachtspaziergang" in Bern. Wunderbar, dachte ich, hatte ich doch gerade erst einen Lexikonartikel zu Camp & Trash verfasst und darin so ausführlich wie wohlwollend Queerness thematisiert. Dann las ich weiter: "für alle fltiq*menschen. keine cis-männer." Aha. Ein neuer Ausschlussmechanismus, ein neues Stigma also: der Cis-Mann. Wer das Pech hat, dass sein aktuelles Geschlecht mit dem Geschlecht seiner Geburt übereinstimmt, muss nächtens alleine flanieren. Oder halt bei den Cis-Jungs von der SVP vorbeischauen und sich dort ausweinen. Ein besseres Rekrutierungsprogramm könnte die sich nicht wünschen. Man weiß nicht, soll man lachen oder weinen? Die Revolution cist ihre Kinder. Um den in Managementseminaren hoffnungslos verschlissenen Sunzi noch mal hervorzukramen: "Wenn du dich selbst kennst, doch nicht den Feind, wirst du für jeden Sieg, den du erringst, eine Niederlage erleiden. Wenn du weder den Feind noch dich selbst kennst, wirst du in jeder Schlacht unterliegen." Nicht nur in den USA, auch beim Referendum in der Türkei und anderswo, etwa in Polen, erweist es sich, dass die Kommunikation zwischen Stadt und Land, links und rechts, konservativ und progressiv, Kunst und Alltag, cis und fltiq unzureichend ist. Man kennt einander primär als mediale Karikaturen (Bauer sucht Frau vs. linksalternative Kreative). Wann hätte eine progressivistische Performance jemals einen Bauern in Gumpersdorf erreicht? Wer nicht nur zu den bereits Bekehrten predigen möchte, also zu einem urbanen, kosmopolitischen Publikum, der muss ein paar Avantgardegänge runterschalten und raus gehen zu denen, die man gemeinhin nicht erreicht. In die Agglomeration, aufs Land, in Kirchen und Ortsvereine. Nicht, um 'die da draußen' zu 'missionieren'. Sondern um Grundsteine für Austausch und Diskurskulturen zu legen, die tatsächlich hybride sind und vielleicht erst in zehn, zwanzig Jahren wirksam werden. Warum sollte ich mich nur mit Bodybuildern über Bodybuilding unterhalten? Für mich war es interessanter, das Bodybuilding in die Kunstgeschichte zu tragen. Warum sollte ich meine zeitkritischen Diagnosen mit denen diskutieren, von denen ich weiß, dass sie mir allenfalls im Detail widersprechen? Ich bevorzuge die Auseinandersetzung, den Streit mit jenen, welchen ich nicht zustimme. Warum sollte ich Heavy Metal nur für Metal-Fans spielen? Mit dem Heavy-Metal-Lieferservice spielen wir ihn dort, wo er längst schon hingehört – in Kunstgalerien, auf Hochzeiten, bei Firmenfeiern. Das Argument, Typen wie Marc Jongen hätten ihren Erfolg nur dem in den Massenmedien immer gerne gesehenen Charme des Verruchten und Gefährlichen zu verdanken, lässt sich also umkehren – wenn sie diesen Charme besitzen, dann vor allem deshalb, weil man ihnen zu lange eine sexy Renegaten-Position zugestanden hat auf der sie sich unwidersprochen als edle Außenseiter inszenieren konnten; oder weil man sie als furchteinflößende Gladiatoren in der Arena der Massenmedien begaffte. In öffentlichen Debatten, die nicht unter Quotendruck stehen, zumal in linken Theaterhäusern, sieht das anders aus. Doch vielleicht kam das Podium in der Gessnerallee ja einfach zu spät und die Weichen sind bereits gestellt, der Zug ist abgefahren. Die Zeichen stehen auf Sturm und ambivalente Positionen wie die hier formulierte werden schnell weggefegt werden. Wie Heinrich Wölfflin schon sagte: Nicht alles ist zu allen Zeiten möglich. Um ein – immer nur vorläufiges, immer nur fragiles – Fazit zu ziehen: Auch wenn die postmoderne Dekonstruktion, genauer gesagt deren Vulgarisierungen und Trivialisierungen dazu beigetragen haben, dem vermeintlichen oder tatsächlichen "postfaktischen Zeitalter" und den rhetorischen Strategien der Neuen Rechten den Weg zu bereiten , gilt es doch, das unabgeschlossene Projekt einer Ethik der Ambivalenz – jenseits von Multikulti-Folklore und Relativismus – gegen die Gnostiker aus allen Lagern zu verteidigen und sich nicht deren verführerisch einfacher Freund-Feind-Logik anzuschließen (gerade auch dann, wenn sie im Camouflage-Kostüm der Vielfalt daherkommt). Es ist nur vordergründig ein Paradox, dass ausgerechnet das schwache Denken am meisten Stärke erfordert. Keep pumping iron(y). And two, or more times Lenin. Literatur Leslie Fiedler, "The Intellectual Roots of Anti-Intellectualism, in: ders. (Hg.), A New Fiedler Reader, New York: Prometheus Books, 1999, S. 115–119. Stuart Hall, "Kulturelle Identität und Globalisierung", in: Karl H. Hörning/Rainer Winter (Hgg.), Widerspenstige Kulture. Cultural Studies als Herausforderung, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1999, S. 393–440. Verena Friederike Hasel, "Ich bin nicht mehr links", in: DIE ZEIT Nr. 17/2017, S. 62. Leszek Kołakowski, Die Gegenwärtigkeit des Mythos, München: R. Piper & Co., 1973. Milo Rau, Was tun? Kritik der postmodernen Vernunft, Zürich/Berlin: Kein & Aber, 2013. Lothar Schäfer und Thomas Schnelle, "Ludwik Flecks Begründung der soziologischen Betrachtungsweise in der Wissenschaftstheorie", in: dies. (Hgg.), Ludwik Fleck. Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, Berlin: Suhrkamp, 2012, S. 7–49. Jonathan Sperber, Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert, München: C.H. Beck, 2013, e-book. Eric Voegelin, Autobiographische Reflexionen, München: Wilhelm Fink Verlag, 1994.